Unitas - ein Name, ein Programm

Die Unitas wurde 1855 von Bonn und Tübingen aus begründet und ist damit der älteste katholische Studenten- und Akademikerverband Deutschlands.


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Von:  Beirat für Kirchenfragen

09.12.2017

Schwingt freudig euch empor!

Das Angebot an Impulsen und Meditationen zur Adventszeit unterschiedlichster Güte ist dieser Tage, wie alle Jahre wieder, kaum zu überschauen: vom „Engel für jeden Tag“ über die Geschichte von der „Kerze, die nicht brennen wollte“ bis zu hilfreichen Besinnungstipps wohlmeinender Bischöfe. Dagegen hält es der Autor dieser Zeilen lieber mit Bach, der vielen als der Theologe unter den Komponisten gilt – nicht nur wegen seines feinen Gespürs in der Auswahl der religiösen Dichtungen, die er seinen Werken zugrunde legte, sondern vor allem wegen der großen Kunstfertigkeit mit der er die darin angelegten Gefühle und Spannungen musikalisch umzusetzen wusste.

Bachs Kantate „Schwingt freudig euch empor“ (BWV 36), die am ersten Adventsonntag 1731 uraufgeführt wurde, bringt in ihrem Wechsel aus feierlich triumphierendem Chorgesang und intim verhaltenen Solo-Arien auf hervorragende Weise die spannungsvolle Grundhaltung des Advents aus Vorfreude und harrendem Erwarten zum Ausdruck. Dem in aufsteigenden Motiven sich immer weiter steigernde Jubel über das bevorstehende Weihnachtsfest – „Schwingt freudig euch empor zu den erhab´nen Sternen…“ – steht die gebotene Zurückhaltung scharf gegenüber: „Doch haltet ein! Der Schall darf sich nicht weit entfernen…“ – noch steht die Erfüllung aus, das Kommen des „Herrn der Herrlichkeit“, noch müssen die Gläubigen warten und ihre Stimmen bändigen.

Stellt sich bloß die Frage, worauf wir als adventlich gestimmte Menschen eigentlich warten, was die ersehnte „Ankunft“ mit sich bringen sollte, das wir nicht schon wüssten? Haben wir mit der apokalyptischen Erwartung des Weltenendes, das die biblische Sprachwelt prägt, doch einigermaßen konsequent abgeschlossen. So wirkt die liturgische Inszenierung des Advents rein äußerlich betrachtet recht grotesk: Bezüglich der Weihnachtsgeschichte dürften wir hinlänglich im Bilde sein – Maria und Josef, die Hirten mit den Schafen… und eben das Jesuskind, von dem die Christenheit bekennt, in ihm sei Gott Mensch geworden, um die irdische mit der himmlischen Welt zu versöhnen. Und doch sparen wir uns diese idyllische Szenerie bis zum 25. Dezember sorgsam auf, soweit im Glühwein geschwängerten Einkaufs- und Besinnungstrubel möglich, und ärgern uns unter Umständen, wenn die geliebten Weihnachtsmelodien schon Ende November von den Blockflöten-Grüppchen in der Fußgängerzone dargeboten werden. Und doch gönnt sich die Kirche eine vierwöchige Vorbereitungszeit (durch die diesjährige Konstellation der Wochentage empfindlich verkürzt) und übt sich mit allerlei Gebräuchen in der Erwartung von etwas Großem.

Grotesk muss dieses Gebaren indes tatsächlich wirken – und keiner von uns ist wohl jederzeit vor dieser Irrung gefeit –, so man davon ausginge, die Feier des Weihnachtsfestes brächte etwas Neues im Sinne eines überwältigenden Erlebnisses oder einer Überraschung (von dem einen oder anderen Geschenk vielleicht abgesehen). Dementsprechend wäre die Adventszeit aus säkularer Perspektive bestenfalls noch mit der psychologischen Plattitüde zu erklären, dass Vorfreude die schönste Freude sei und geduldiges Ausharren die Bedeutung eines Ereignisses noch steigere.

Demgegenüber hatten Bach und sein unbekannter Textdichter ein weit tieferes Verständnis, wenn sie die sehnsüchtige Stimmung der Vorweihnachtszeit im schlichten Bild einer Liebesbeziehung fassen: „Die Liebe zieht mit sanften Schritten / sein Treugeliebtes allgemach. / Gleichwie es eine Braut entzücket, / wenn sie den Bräutigam erblicket, / so folgt ein Herz auch Jesu nach.“ Zwar wissen wir in gläubigem Vertrauen auf seinen Programmnamen Immanuel, dass Gott zu uns kommen und bei uns sein will, doch kann er dies nicht ohne uns – er zieht uns liebevoll mit „sanften Schritten“, aber um wirklich bei uns ankommen zu können, braucht es unser aktives Zutun, unser folgsames Herz, das sich oft so schwer tut zu lieben. Es kostet Anstrengung und geschieht nicht von allein, wir müssen täglich die eigene Trägheit überwinden und die Floskeln hinter uns lassen, mit denen wir im kirchlichen Umfeld so leichtfertig hantieren.

„Und wäre Christus tausendmal in Bethlehem geboren, und nicht in dir: Du bliebest doch in alle Ewigkeit verloren,“ mahnte Angelus Silesius und macht damit ebenso wie der Eingangschor von Bachs Adventskantate deutlich, dass unser Warten auf Weihnachten kein beteiligungsloses Abwarten sein und sich nicht in heimeligem Zur-Ruhe-Kommen erschöpfen darf: Die Aufforderung sich freudig empor zu schwingen fordert das Bemühen des Menschen, seinen Geist zu Gott zu erheben – die Nähe zum altehrwürdigen gregorianischen Eröffnungsgesang des ersten Adventsonntags ist unverkennbar: „Ad te levavi anima mea – Zu dir erhebe ich meine Seele.“

Gott will, dass wir zu ihm kommen, er wartet auf seine Geburt in uns.

Moritz Findeisen

 

„Schwingt freudig euch empor“ (BWV 36) – Einspielung der Niederländischen Bach-Gesellschaft, 2014