Unitas - ein Name, ein Programm

Die Unitas wurde 1855 von Bonn und Tübingen aus begründet und ist damit der älteste katholische Studenten- und Akademikerverband Deutschlands.


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Von:  Beirat für Kirchenfragen

05.01.2018

Menschwerdung und Menschenwürde

Liebe Bundesschwestern und Bundesbrüder,

auch wenn der Heilige Abend bereits hinter uns liegt, so befinden wir uns doch noch unter dem Eindruck des Weihnachtsfestes und damit noch mitten in der Feier des Menschwerdung Gottes in Jesus Christus. Die Menschwerdung ist ein mächtiges Realsymbol der Solidarität Gottes mit den Menschen, das die Gemeinschaft der Menschen mit Gott und untereinander begründet. Mit der vollen Menschheit Jesu ist auch der ganze Mensch angenommen und erlöst, trotz all seiner Unzulänglichkeiten. Diese Annahme und Ansprache ist dabei reines Gnadengeschenk Gottes, das er jedem Menschen anbietet.

Umso irritierender sind gerade vor diesem Hintergrund die aktuellen gesellschaftlichen Diskurse, sei es die Debatte um Flüchtlinge und den richtigen Umgang mit ihnen, seien es die die weiter bestehende Geschlechterungerechtigkeit und die unerträglichen Übergriffe denen sich besonders Frauen ausgesetzt sehen, wie sie die #Me too-Debatte erneut transparent gemacht hat, oder die auch in Deutschland zunehmend sichtbaren Auswirkungen eines abusiven Kapitalismus, der zwar Vollbeschäftigung gebracht hat, aber auch immer mehr prekäre Beschäftigungsverhältnisse.

Dies mögen zwar ganz unterschiedliche Problemlagen sein, aber in ihrem geistigen Zentrum steht jeweils die Infragestellung bzw. Negierung der Würde des Menschen. Dabei ist die Anerkennung der Würde des Menschen, jedes Menschen, hochgradig vernünftig. Sie kommt jedem Menschen zu, unabhängig von Geschlecht, Glaube, sexueller Orientierung, Produktivität oder Delinquenz. Die Anerkennung der Würde jedes Menschen schützt vor der Verzweckung des Menschen und umfasst mehr als ein Bekenntnis zu einem irgendwie diffusen Prinzip ohne Praxisrelevanz. Die Anerkennung der Würde jedes Menschen mahnt uns dazu, den anderen nicht nur in einem umfassenden Sinn nicht zu missbrauchen, sondern auch positiv für würdige und gerechte Entwicklungs- und Entfaltungsmöglichkeiten für alle Menschen einzutreten. Damit kann nicht nur eine finanzielle Absicherung der Grundbedürfnisse gemeint sein, sondern eine wirkliche gesellschaftliche Teilhabe. Wenn wir die Menschenwürde anerkennen, ist es undenkbar ausbeuterische Arbeitsverträge aufzusetzen, Männer oder Frauen sexuell zu belästigen oder ernsthaft darüber zu diskutieren, Notleidenden und Schutzsuchenden in unserer Mitte nicht zu helfen. Aber wie Kant schon konstatierte, ob ein Prinzip für uns wirklich handlungsleitend wird, zeigt sich erst in der Situation der Herausforderung.

Dies ist allerdings nur die säkular gewendete Menschenwürde. Für uns als Christen, liebe Schwestern und Brüder im Herrn, ist die Anerkennung der Würde des anderen noch weiter transzendiert zur Vorstellung der Gottesebenbildlichkeit jedes Menschen. Jeder Mensch ist Abbild Gottes und als solches Adressat des Beziehungsangebots Gottes. Somit ist jeder Einzelne Gott unendlich wertvoll und dadurch unserem Zugriff entzogen. Die Gottesebenbildlichkeit ist so keine menschlicher Kontrakt, sondern die Achtung und Anerkennung der Bedeutung jedes einzelnen für Gott. Zwar kann das Beziehungsangebot aufgrund des freien Willens einseitig ausgeschlagen werden, dies ändert aber nichts an der fortwährenden Wichtigkeit jedes einzelnen Menschen in den Augen Gottes. Diese Wichtigkeit darf von uns nicht angetastet werden, ohne dass wir uns an Gott, am Nächsten und unserer eigenen Vernunft versündigen.

Als Christen und Unitarier ist es unsere bleibende Aufgabe, das Konzept der Gottesebenbildlichkeit in den gesellschaftlichen Diskurs einzubringen, durch unsere Handlungen zu bezeugen und notfalls mutig dafür einzutreten.

Dafür wünsche ich uns allen viel Kraft und den Segen Gottes im neuen Jahr 2018.

Semper in unitae!

Euer Bundesbruder David Olszynski