Unitas - ein Name, ein Programm

Die Unitas wurde 1855 von Bonn und Tübingen aus begründet und ist damit der älteste katholische Studenten- und Akademikerverband Deutschlands.


Übersicht

Zur Mitte

Von:  Beirat für Kirchenfragen

04.09.2017

Liebe Bundesschwestern und Bundesbrüder,

„Wem Liebe gepredigt wird, der lernt nicht lieben, sondern Predigen.“ So lautet ein Sinnspruch von Alice Miller. Einfacher könnte man es mit Erich Kästner formulieren: „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.“ Damit könnte man es auch bewenden lassen, diskreditieren die Sprüche doch jedes weitere Wort.

Dennoch kommen Fragen auf. Was ist denn Liebe konkret? Was ist denn das Gute nun? Jeder erhebt doch mehr oder weniger den Anspruch Gutes zu tun, zumindest einen guten Willen zu haben. Reicht das oder ist es wie Kurt Tucholsky sagt: „Das Gegenteil von gut ist gut gemeint“? Es sind Fragen, die genau das Zentrum des christlichen Lebens treffen, denn als Jesus bei Matthäus 22,36 gefragt wird, was das wichtigste Gebot sei, antwortet er: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit all deinen Gedanken.

Das ist das wichtigste und erste Gebot. Ebenso wichtig ist das zweite: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.” Eine weitere Frage taucht in diesem Zusammenhang auf: Kann man denn Liebe befehlen oder muss man sich gar dazu zwingen? Und wenn man sich den Spruch von Alice Miller noch mal vornimmt: kann man nur lieben, wenn man selbst Liebe erfahren hat? Wäre dann nicht das Gebot Jesu ein Lotteriespiel, bei dem jener gewinnt, der sowieso schon begünstigt wird, nach dem biblischen Motto, ‘wer hat, dem wird gegeben’? Was ist also das biblische und damit unser Verständnis von Liebe konkret? Das erste und wichtigste Gebot Jesu ist die Gottesliebe. Theologisch ist diese liebende Beziehung zwischen jedem einzelnen Mensch und Gott charakterisiert als Frage-Antwort Schema. Gott liebt uns, indem er uns Raum zum Leben schenkt: Mit der Schöpfung, die er täglich neu ermöglicht und erhält. Mit der Buße, die uns nach der Trennung von Gott und Mensch in der Sünde wieder in die Gemeinschaft bringt. Mit dem Tod Jesu, der uns ermöglicht Gott gegenüber zu treten und nach unserem Tod bei ihm zu sein. Mit der Hl. Messe, die uns Kraft, Beispiel, Vergewisserung und Orientierung gibt. Um nur einige Beispiele zu nennen. In der Tat ist es aber vielmehr so, dass Gott jedem einzelnen persönlich durch individuelle Ereignisse Raum zum Leben gibt. Darüber kann nur jeder selbst berichten.

Das ist das Angebot und die Anfrage Gottes an den Menschen. Er gibt uns Raum zum Leben und was machen wir damit? Wir können sie annehmen oder ablehnen. In dem wir diese Liebe weitergeben, nehmen wir die Gottesliebe ganz automatisch an und indem wir Gottesliebe annehmen, geben wir sie ganz automatisch weiter. Das eine ist nicht vom anderen zu trennen. Wir lieben Gott, indem wir auf seine Anfrage antworten, eben mit Liebe, nicht mit Worten, Predigten oder missionarischem Eifer. Lieben wir Gott, dann heißt das den Nächsten zu lieben aus der Erfahrung der Liebe Gottes an uns selbst. Darum sagt Jesus, dass dies ein ebenso wichtiges Gebot ist. Eigentlich sind so die beiden Gebote untrennbar mit einander verwoben. Die Nächstenliebe also bedeutet ebenso dem Leben Raum geben. Das kann ganz unterschiedlich sein, je nach Situation.

Ein Beispiel, welches Jesu uns selbst gegeben hat, ist das Gleichnis vom barmherzigen Samariter (Lk 10,25-37). Er, der Samaritaner, der eigentlich der Erzfeind der Israeliten ist, sieht einen eigentlich völlig Fremden und Feind halb tot am Straßenrand in der Wüste liegen, und anders als die so genannten Frommen geht er nicht vorbei, weil für diese die Gefahr bestünde, an einem Toten ihre kultische Reinheit zu verlieren. Diese Überlegungen haben für den Samaritaner keine Relevanz. Er sieht den halb Toten, überlegt, was er tun kann, damit diesem Menschen wieder Raum zum Leben ermöglicht werden kann. Er tut einfach nur das, wozu er die Mittel hat. Er bringt ihn zur nächsten Herberge und bezahlt so viel Geld im Voraus, wie es eben nötig ist, damit der halb Tote wieder auf eigenen Beinen stehen kann. Das bedeutet für uns zunächst: hinsehen. Sehen wir unseren Nächsten an. Nur dann kann man die Nöte des anderen entdecken. Es bedeutet weiter: überlegen. „Kann ich denn überhaupt etwas tun? Was steht in meiner Macht, welche Möglichkeiten habe ich?“ Und erst dann kommt das Handeln.

Aber war da nicht noch mehr? “Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst” heißt es doch. Sich selber Raum zum Leben geben, sich selber anschauen, überlegen, ‘Was erweitert mein Leben?’, ‘Was tut mir letztendlich gut?’ und danach handeln. Das ist genauso wichtig wie die Gottes- und Nächstenliebe. Selbstliebe, Nächstenliebe und Gottesliebe funktionieren nur zusammen. Nur als Antwort auf Gottes Anfrage kann ich die Liebe weitergeben und mir selbst zuteilwerden lassen. Schauen wir also genau auf uns und den Nächsten und bedenken, wo Gott uns überall Raum zum Leben ermöglicht und wo wir ihm durch unser Handeln Antworten können.

Clemens Heinze