Unitas - ein Name, ein Programm

Die Unitas wurde 1855 von Bonn und Tübingen aus begründet und ist damit der älteste katholische Studenten- und Akademikerverband Deutschlands.


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„Wissenschaft, Gesellschaft, Bildung: Die Zukunft verantwortlich gestalten“

Von:  Beirat für Gesellschaftspolitik

01.04.2019

Alle zwei Jahre soll das seit 1973 vom Unitas-Verband veranstaltete „Krone-Seminar“ zur katholischen Soziallehre und zu aktuellen politischen Themen in Berlin stattfinden. So hatte es sein Namensgeber, Bbr. Bundesminister a.D. Dr. Heinrich Krone, der lange Jahre Berlin im Deutschen Bundestag vertreten hatte, einst selbst gewollt. Also reisten Anfang März wieder – wie zuletzt 2017 – fast zwei Dutzend Aktive aus allen Regionen in die Bundeshauptstadt zum Krone-Seminar. Es trug dieses Jahr das Motto „Wissenschaft, Gesellschaft, Bildung: Die Zukunft verantwortlich gestalten“, gemeinsam vorbereitet von den Beiräten für Hochschulpolitik und für Gesellschaftspolitik des Unitas-Verbandes.


Mit einem schwungvollen Impulsreferat über den Zusammenhang zwischen Gesellschaft, Bildung und Wissenschaft eröffnete Bbr. Prof. Dr. Hubert Braun, Vorsitzender des Beirats für Hochschulpolitik, die inhaltliche Diskussion. Er gab zu Beginn soziologische und ethische Definitionen von Gesellschaft und zeigte auf, wie sich die Gesellschaft grundlegend in Europa entwickelt hat. Besonderes Augenmerk legte Bbr. Braun auf die Zusammensetzung der Gesellschaft in Deutschland und auf die Frage, welche Arten bzw. Ausprägungen von Gesellschaft es gibt. Im Fazit betonte er, dass letztlich nur der mündige Bürger, befähigt durch die Bildung, sich für die stetig verändernde Gesellschaft einsetzen kann.


Am zweiten Tag setzte Richard Schütze, Publizist und Coach in Berlin, diesen Bogen fort. Er sprach über die Beziehung zwischen der Wissenschaft als begründetes Wissen und als offenes System von wahren Sätzen, methodisch gewonnen an einem Formalobjekt, das Teil eines großen Materialobjektes ist, und der Wahrheit als Übereinstimmung von Denken und Sein. Im Anschluss ordnete Bbr. Christian Poplutz, Vorsitzender des Beirats für Gesellschaftspolitik, Krones Lebensweg in den historischen Kontext von Kaiserreich, Weimarer Republik, NS-Diktatur und Bundesrepublik Deutschland ein. Besonderes Augenmerk legte Bbr. Poplutz darauf, wie Politik aus christlicher Verantwortung gelingen kann.

Am Nachmittag wurden in einer politisch-historischen Stadtführung das Regierungsviertel und die Stadtmitte Berlins zwischen Reichstagsgebäude, Brandenburger Tor und St.-Hedwigs-Kathedrale erkundet. Im Anschluss suchte die Gruppe das Berliner Unitas-Haus in Lichterfelde auf und diskutierte mit Bbr. Dr. Christoph Lehmann, Stellvertretender Bundesvorsitzender der Katholischen Elternschaft Deutschlands und Mitglied im Beirat für Gesellschaftspolitik, über „Chancengerechtigkeit im Bildungswesen?“. Er vertrat die These, Jungen müssten innerhalb des Bildungssystems stärker gefördert werden, damit sie in wenigen Jahren nicht zu den Verlierern der Gesellschaft zählen. Dies begründete er vor allem mit unterschiedlichen Entwicklungen von Mädchen und Jungen in der Kindheit und forderte, neben mehr männlichen Mitarbeitern in diesem Bereich, eine größere Differenzierung im Unterricht.

Am Sonntagmorgen feierten wir die Eucharistie in Maria Regina Martyrum, der Gedenkkirche der deutschen Katholiken für die Opfer des Nationalsozialismus in Berlin-Charlottenburg. Dort befindet sich wegen der aktuellen Renovierung der St.-Hedwigs-Kathedrale derzeit auch das Grab des 1996 seliggesprochenen Märtyrers Bernhard Lichtenberg, der als Dompropst von Berlin ab dem Novemberpogrom 1938 jeden Sonntag für die Verfolgten gebetet hatte.

Beim Krone-Seminar darf ein Überblick über die Grundlagen der Katholischen Soziallehre nicht fehlen. Bbr. Poplutz zeigte anhand des Drei-Schritts: „Sehen – Urteilen – Handeln“ die Bedeutung der katholischen Soziallehre auf und erläuterte ihre Prinzipien der Personalität, Solidarität und Subsidiarität sowie das Wirken bedeutender Unitarierwie Franz Hitze und Heinrich Pesch SJ als Hochschullehrer und Politiker.

Den krönenden Abschluss des Tages bildete der Vortrag „Ethische Dimensionen der naturwissenschaftlichen Forschungen und ihre Beherrschung“ von Bbr. Prof. Dr. Michael Garmer von der Hochschule für Wirtschaft, Technik und Kultur (hwtk) Berlin und Mitglied im Beirat für Hochschulpolitik. Bbr. Garmer definierte zunächst die Unterschiede von Moral und Ethik und zeigte Prinzipien auf, die für eine grundlegende ethische Bewertung verwendet werden können. Anschließend zeigte er, dass naturwissenschaftliche Erkenntnisse, also die empirische Erforschung der Naturgesetze, nicht verhindert werden können, was technologisch oft zu einer Dilemma-Entscheidung führen kann. Die Themen des Tages wurden auch noch beim Abendessen kräftig weiter diskutiert, bevor ein freier Abend dazu einlud, sich Berlin bei Nacht anzusehen.

Der Montag begann mit einer von Bbr. Braun eingeleiteten Reflexion: „Unitas-Verband, quo vadis – Welche gesellschaftliche Bedeutung hat die Unitas?“. So diskutierten die Teilnehmer, wie man die Katholische Soziallehre auf Aktivitäten der Vereine und Mitglieder übertragen kann. Besondere Bedeutung kommt dabei dem unitarischen Lebensbundprinzip zu, das uns in den nächsten Jahren auffordern muss, in besonderer Weise auch die Familien unserer Mitglieder einzubeziehen.

Im Anschluss sprach Bundesbruder Staatssekretär a.D. Friedhelm Ost über das Thema „Bildung: die größte Herausforderung unserer Gesellschaft“. Er führte dabei aktuelle gesellschaftliche Herausforderungen wie den demographischen Wandel auf und machte deutlich, dass Bildung die wichtigste Grundlage ist, diesen Herausforderungen zu begegnen.

Der Berliner Staatsrechtslehrer Prof. Dr. Christian Waldhoff von der Humboldt-Universität beleuchtete am Nachmittag das Thema „Wissenschaft und Forschung in der Verfassungsordnung des Grundgesetzes – Bedingungen und Wechselwirkungen“. Die Einheit von Forschung und Lehre spreche für die Freiheit, belaste aber teilweise die volle Entfaltung der Wissenschaftler. Heute komme es zu Engpässen bei der Zulassung von Studierenden; fraglich sei, inwiefern der Numerus Clausus dem Recht auf freie Berufswahl entgegenstehe. Im Weiteren vertiefte Prof. Waldhoff den verfassungsrechtlichen Rahmen und ging auf die in Artikel 5 des Grundgesetzes begründete Wissenschaftsfreiheit ein.  Im Fazit formulierte er, dass die Wissenschaftsfreiheit in Deutschland nicht gefährdet sei. Die Bund-Länder-Problematik sei lösbar, indem die Länder wieder mehr Verantwortung übernehmen und insgesamt die Investitionen im Bildungssektor erhöht werden sollten.

Über „Künstliche Intelligenz - Wie verändert Automatisierung die Arbeitswelt?“ gab Bbr. Jörg Arnold aus Berlin einen Ausblick. Auf der Grundlage von Daten, die gepflegt werden müssen, können durch ein trainiertes Modell Vorhersagen getroffen werden. Die Ergebnisse solle der Nutzer nicht anwenden, ohne zu versuchen, sie zu verstehen und sie stets zu hinterfragen, um sie ggf. korrigieren zu können. Konflikte werde es dabei immer zwischen dem Sammeln von Daten und dem Datenschutz geben.

Nach einer abendlichen Eucharistiefeier in St. Clemens freuten wir uns auf einen Erfahrungsaustausch mit Bbr. Jan-Philipp Görtz zum Thema „Beruf und Berufung zwischen Wirtschaft und Politik – eine praktische Wissenschaft für sich“. Bbr. Görtz berichtete zum einen von seiner Zeit in verantwortlichen Positionen bei der Lufthansa AG und zum anderen von seinen ehrenamtlichen Aktivitäten zum Erhalt und zur Förderung des Gemeindelebens von St. Clemens, das durch seinen Standort in Berlin-Mitte vor großen Herausforderungen steht und versucht, für die Menschen vor Ort ein breites Angebot zu schaffen.

Der Abschlusstag des Krone-Seminars wurde durch einen Besuch im Deutschen Bundestag zu einem Höhepunkt. Dort sprachen wir mit Ministerialdirigent Dr. Guido Heinen, dem Leiter der Wissenschaftlichen Dienste des Deutschen Bundestages, über „Wissen, Wahrheit und ihre Wirkung – Über das Verhältnis von Wissenschaft und Politik“. Er gab einen Einblick in die Arbeit des Wissenschaftlichen Dienstes, der die Abgeordneten mit etwa 3000 Dokumentationen, Sachstandsberichten oder Gutachten im Jahr wissenschaftlich, umfassend und unparteiisch in der Wahrnehmung ihres freien Mandats unterstützt. Falsche Nachrichten habe es schon immer gegeben, so Heinen – umso wichtiger sei es, dass Nachrichten unabhängig überprüft werden können. Insbesondere die Trennung zwischen Nachricht und Kommentar sei in den letzten Jahren weitgehend verloren gegangen, was äußerst problematisch ist.

Anschließend sprach Bbr. Michael Brand MdB (Fulda) über „70 Jahre Allgemeine Erklärung der Menschenrechte – Bilanz und Herausforderungen“. Bbr. Brand, der Menschenrechtspolitischer Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion ist, berichtete von seinem am Vorabend beendeten Besuch in Dharamsala, dem nordindischen Exil des Dalai Lama. Sich für Glaubensminderheiten einzusetzen, sei wichtiger denn je. Bbr. Brand hob hervor, dass dort, wo Religionsfreiheit beschnitten werde, grundsätzlich davon auszugehen sei, dass auch andere Menschenrechte, wie z.B. die Freiheit der Meinungsäußerung, beschnitten würden. Auch die Christenverfolgung dürfe kein Tabuthema sein. Der Dialog müsse immer und immer wieder gesucht werden, dabei sollte man nicht aggressiv, aber wehrhaft sein und standhaft bleiben, betonte Bbr. Brand.

Über „Alternde Gesellschaft, verkalkte Politik, fehlende Generationengerechtigkeit? Ethik und Wirtschaften im Hier und heute“ sprach Prof. Dr. Michael Eilfort (Berlin) von der Stiftung Marktwirtschaft im Schlussvortrag des Seminars. Er wies dabei auf die verschobene Gerechtigkeit zwischen Alt und Jung hin – ein Problem, das alle Generationen gemeinsam lösen müssten. Wenn in Deutschland bei guter Wirtschaftslage etwa 50% der Einnahmen für Sozialleistungen und Renten ausgegeben würden, ist nach Prof. Eilfort sowohl finanzielle Nachhaltigkeit als auch Subsidiarität der Sozialleistungen im Sinne gezielter Förderung Bedürftiger zu fordern, um für intertemporale Gerechtigkeit zwischen den Generationen zu sorgen.

Insgesamt schlug das Krone-Seminar in 16 Einheiten einen weiten thematischen Bogen, der den Teilnehmerinnen und Teilnehmern viel Stoff zum Nachdenken und Diskutieren lieferte. Auch in zwei Jahren wird das Krone-Seminar wieder in Berlin stattfinden und sich neuen Fragen zuwenden. Für 2020 ist zum 70jährigen Jubiläum des Schuman-Plans, der letztlich zur Gründung der heutigen EU führte, ein Krone-Seminar mit europäischen Bezügen geplant.


Der ausführlichen Bericht zum Krone-Seminar 2019 mit tiefergehenden Vortragsbeiträgen findet sich in der Verbandszeitschrift unitas 2/2019.