Unitas - ein Name, ein Programm

Die Unitas wurde 1855 von Bonn und Tübingen aus begründet und ist damit der älteste katholische Studenten- und Akademikerverband Deutschlands.


Übersicht

Vor 60 Jahren: Bbr. Robert Schuman wird erster Präsident des Europäischen Parlaments

Von:  Unitas-Verband e.V.

15.03.2018

„Nur den Allerwenigsten ist es gegeben, Dauerhaftes, Historisches zu leisten. Präsident Robert Schuman gehört zu dieser kleinen Gruppe von bevorzugten Menschenkindern“, erklärte Professor Dr. Hendrik Brugmans in seiner Laudatio am 15. Mai 1958 zur Verleihung des Internationalen Karlspreises der Stadt Aachen an Bbr. Robert Schuman. Knapp zwei Monate zuvor, am 19. März vor 60 Jahren, hatte Schuman seine einstimmige Wahl zum ersten Präsidenten des Europäischen Parlaments angenommen.

Schumans Leben begann zwischen den Grenzen – eine Erfahrung, die ihn nachhaltig prägte: Am 29. Juni 1886 in Clausen (Luxemburg) geboren, besucht Jean-Baptiste Nicolas Robert Schuman das großherzoglichen humanistischen Gymnasium „Athenaeum" in Luxemburg, legt 1903 sein Abitur am kaiserlichen Gymnasium in Metz ab und schreibt sich zum Sommer-Semester 1904 an der Universität Bonn zum Studium der Rechtswissenschaften ein. Er schließt sich dem W.K.St.V. Unitas-Salia an, geht zum WS 1904/05 an die Universität München, wo er ebenfalls bei der Unitas aktiv wird. Im Wintersemester 1905/06 wechselt er an die Universität Berlin, ist 1906-1908 an der Universität Straßburg und auch bei den dortigen Unitas-Vereinen aktiv. Nach dem Referendariat 1908-1910 in Metz wird er an der Universität Straßburg „summa cum laude" zum Doktor jur. promoviert, trägt sich nach dem Unfalltod seiner Mutter 1911 mit dem Gedanken, Priester zu werden. 1912 legt er das zweite Staatsexamen ab und wird Rechtsanwalt in Metz. Dort ist Schuman 1913 Vorsitzender für die Organisation des damaligen Deutschen Katholikentages.

Während des Ersten Weltkrieges arbeitet Schuman am Bezirkspräsidium in Boulay-Moselle, wird 1918 Mitglied des Stadtrates von Metz. Nach dem Krieg und der Abtrennung Elsass-Lothringens wird er französischer Staatsbürger und geht für die Republikanische Union Lothringen (Union Republicaine Lorraine) als Abgeordneter Lothringens in der französischen Nationalversammlung. 1928-1936 ist Schuman Vorsitzender des Ausschusses für Elsass-Lothringen und zeitweilig Vizepräsident des Abgeordnetenhauses. Als der Unitas-Verband in Deutschland 1938 von den Nationalsozialisten als „staatfeindliche Organisation“ verboten wird, zahlt er seinen Mitgliedsbeitrag an die Unitas in Österreich. Sein Abgeordnetenmandat behält er bis zu seiner Verhaftung durch die Gestapo 1940/41 bei, er wird in Metz und in Neustadt an der Weinstraße inhaftiert, bis ihm schließlich 1942 die Flucht gelingt und er in einem Kloster Zuflucht findet. In einem seiner Briefe schreibt er in dieser Zeit: „Europa ist auf der Suche zu sich selbst; es weiß, dass seine Zukunft in seinen eigenen Händen liegt. Gott gebe, dass es seine Schicksalsstunde, die letzte Chance seines Heils, nicht verpasst." 

Nach dem Krieg wird Robert Schuman, nun knapp 60 Jahre alt, erneut Abgeordneter der französischen Nationalversammlung. Er übernimmt 1945 die Präsidentschaft für die Commission des Finances und den Ausschuss für elsässisch-lothringische Fragen, wird 1946 Finanzminister und 1947 Ministerpräsident von Frankreich. Zwischen 1948 und 1952 ist er Außenminister in acht kurzlebigen Kabinetten der politischen Mitte. In dieser Zeit, am 9. Mai 1950, veröffentlicht Robert Schuman seine historische Erklärung für die Neukonstruktion Europas: Er schlägt die Errichtung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl vor (Schuman-Plan), die den Anstoß zur Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft gibt. Sie soll, beginnend mit der Montanunion, politisch zur Föderation Europas führen. Am 18. April 1951 wird der Montanvertrag (EGKS) in Paris unterzeichnet. Doch in Frankreich findet Robert Schuman für seine Idee, eine Europäische Gemeinschaft zu schaffen, kein Verständnis. 1952 muss er sein Amt des Außenministers niederlegen. Im folgenden Jahr 1953 unterzeichnen 26 europäische Staaten die von ihm maßgeblich mitgestaltete Straßburger Menschenrechtskonvention. Er selbst wirbt auf zahllosen Vortragsreisen für die Idee eines geeinten Europas und ist 1955/56 Justizminister.

Am 25. März 1957 unterzeichnen Belgien, die Bundesrepublik Deutschland, Frankreich, Italien, Luxemburg und die Niederlande im Saal der Horatier und Curiatier im römischen Konservatorenpalast die Römischen Verträge, die zum 1. Januar 1958 in Kraft treten. Mit ihnen wird die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) errichtet, die Europäische Atomgemeinschaft (EURATOM) gegründet und ein Abkommen über gemeinsame Organe für die Europäischen Gemeinschaften geschlossen. Es legt fest, dass EWG, EURATOM und einen gemeinsamen Gerichtshof einrichten, einen gemeinsamen Wirtschafts- und Sozialausschuss und nicht zuletzt eine gemeinsame parlamentarische Versammlung. Bei ihrer konstituierende Sitzung am 19. März 1958 wählen die 142 Abgeordneten – gegen die Empfehlungen der Mitgliedstaaten - nicht den Italiener Gaetano Martino, sondern den nun 72-jährigen Robert Schuman zum ersten Präsidenten dieser Versammlung. Demonstrativ taufen sie zwei Tage später die Parlamentarische Versammlung in „Europäisches Parlament" um - zunächst in holländischer und deutscher Sprache. Erst vier Jahre später wird auch der französische und italienische Begriff „Assemblée" / „Assemblea" in „Parlement" bzw. „Parlamento" geändert. Vorerst hat sie nur beratende Funktionen: Die aus den nationalen Parlamenten bestimmten Abgeordneten haben ein Anhörungsrecht gegenüber dem Ministerrat und fungieren mit ihm zusammen als Haushaltsbehörde der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS), der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) und der Europäischen Atomunion. 

Bbr. Robert Schuman bleibt für zwei Legislaturperioden Präsident des Europäischen Parlaments, das ihn mit dem Ehrentitel „Vater Europas" auszeichnet. 1960 tritt er zurück - seit Oktober 1959 sind erste Zeichen schwerer Krankheit aufgetreten. 1960 folgt er schweren Herzens dem Rat, auf sein Amt als Parlamentspräsident zu verzichten. Er wird zum Ehrenpräsidenten der Versammlung ernannt, die sich am 30. März 1962 den offiziellen Namen „Europäisches Parlament" gibt.

Robert Schuman zieht sich in sein Haus in Scy-Chazelle bei Metz zurück, will seine Schriften vernichten, lässt sich aber bewegen, wichtige Auszüge zu einer Synthese seiner politischen Ideen zusammen zu fassen, die unter dem programmatischen Titel „Pour l´Europe“ erscheinen. Seine körperlichen Kräfte nehmen ab, aber er klagt nicht. Seine Pflegerin beschreibt ihn als geduldig, überaus bescheiden, freundlich, immer mit einem Lächeln: „Er war ein ganz einfacher Mensch, ein guter Mensch, ein Mann des Gebets.“ Auch an seinem Lebensabend besuchte er, wie an allen Tagen seines Lebens, die Heilige Messe. Nach einer schweren Nacht der Agonie stirbt Robert Schuman am 4.September 1963.

„Früher hätte man diesen Mann heiliggesprochen", kommentiert Peter Scholl-Latour, als er im selben Jahr seinen Fernsehfilm "Robert Schuman – Europäer von Geburt" produziert, dem er 1966 eine weitere Dokumentation folgen lässt. Papst Johannes Paul II. (1978-2005) nennt Schuman 1988 bei seiner Ansprache vor dem EU-Parlament ein „ewiges Vorbild für alle Verantwortlichen am Aufbau Europas“. Zu Pfingsten 2004 übermittelt der Metzer Bischof Pierre Raffin die Unterlagen zur Seligsprechung Robert Schumans nach Rom.

Das seit 1972 alle fünf Jahre gewählte Europäische Parlament, das am 19. März 1958 – vor 60 Jahren - konstituiert wurde, zählt heute 751 Abgeordnete aus 27 europäischen Nationen, die über 150 nationale politische Parteien vertreten und in sieben Fraktionen zusammengeschlossen sind. Als Legislativ- und Haushaltsorgan kontrolliert es die Europäische Kommission, wählt ihren Präsidenten und ist das frei gewählte Parlament der Europäischen Union mit 500 Millionen Bürgerinnen und Bürgern.