Unitas - ein Name, ein Programm

Die Unitas wurde 1855 von Bonn und Tübingen aus begründet und ist damit der älteste katholische Studenten- und Akademikerverband Deutschlands.


Übersicht

Das Unitas-Wohnheim als Architektur-Katalog

Von:  AHZ Karlsruhe

31.05.2017

Die Bauten des Jugendstil-Architekten Hermann Billing

Karlsruhe. An einem Termin außerhalb der üblichen AHZ-Donnerstage hatte der Altherrenzirkel Karlsruhe am Samstag, 20. Mai 2017 zu einem ganz besonderen "Event" eingeladen. Unter der fachkundigen Führung von Herrn Dr. Kabierske (Südwestdeutsches Archiv für Architektur und Ingenieurbau, saai) erfuhren die an diesem Nachmittag am Unitas-Haus eintreffenden Teilnehmer aus der unitarischen Familie und umliegenden Nachbarschaft Details zur Schaffenszeit des über Karlsruhe hinaus bekannten Architekten Hermann Billing, dessen erstes eigenes Haus heute als Unitas-Haus Karlsruher Studenten eine Wohnstatt bietet.

Jubiläum

Seinen Ursprung fand diese Veranstaltung durch einen Hinweis der Schriftleitung der unitas, die im Herbst 2016 für die Veröffentlichung der Chronik des Hausbauvereins Bonn e.v. (Zentraler Hausbauverein) bei den Ortsvereinen nach Informationen zu den Unitas-Häusern erfragte. Dank ihrer Aufmerksamkeit geriet der 150. Geburtstag des Architekten am 7. Februar 2017 in den Blick. Gleichzeitig wurde man gewahr, dass im November 2017 der 50. Jahrestages des Erwerbs des Hauses in der Eisenlohrstraße 23 durch den Unitas-Heim e.V. Karlsruhe anstünde. Aus dieser Konstellation entwickelte sich bei einer kleinen Rast an der Bergstation am Freiburger Schauinsland die Idee, dieses Doppeljubiläum doch gebührend begehen zu wollen.

Bereits zum 1. Vereinsfest im Wintersemester, das zudem unter dem Thema "Baukunst" stand, entwickelte sich der Kontakt zu Dr. Kabierske, der aufgrund seiner Promotion zu Hermann Billing als Experte angefragt wurde. Gleichwohl "der Jugendstil heutzutage keinen Jung-Architekten mehr hinter dem Ofen hervorlockt, Beton-Kästen seien in", zeigte das Interesse an Karlsruher Baustilen durch die rege Teilnahme an früheren Veranstaltungen (https://franco-alemannia.unitas.org/joomla/archiv/ss-2016/124-ein-denkender-baumeister-braucht-nicht-jedes-detail-sklavisch-nachzuahmen) und der Zuspruch zum Thema "Jugendstil" am 1. Vereinsfest (https://franco-alemannia.unitas.org/joomla/archiv/ws-2016-17/131-maria-immaculata), dass es keiner Architekten bedürfe, um ein interessiertes Publikum zu finden. Obwohl Dr. Kabierske durch seine Tätigkeit am saai, die er mit nur wenigen Mitarbeitern bewältigen muss, bereits einen vollen Terminkalender hat, erklärte er sich gerne dazu bereit, eine "Begehung in der Eisenlohrstraße zu Hermann Billing" vorzubereiten und durchzuführen.

Der Architekt und Künstler

Hermann Billing, ein eigensinniger, leicht querulanter Typ, geboren am 07.02.1867, tat sich schwer in der Architektenschule des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Replikation war ihm zu langweilig, er suchte das Neue und auch gern Provokante. Ohne Abschluss verließ er die Architektenschule, hinterließ vermutlich erleichterte Dozenten, die ihm keine Zukunft in der Architektur zutrauten. Die Heirat von Selma Anwandter 1892 brachte Vermögen in die Familie, so dass Hermann Billing seine kreativen Ideen nun auch in die Tat umsetzen konnte. Seine ausgefallenen Entwürfe wurden zwar von den zeitgenössischen Architekten verrissen, doch gerade dadurch erzielten sie auch eine überregionale Bekanntheit, was schließlich auch zu hoher Nachfrage und guter Auftragslage führte. Sein Renommee brachte ihn in späteren Jahren sogar zu einer Professur an der Technischen Hochschule Karlsruhe und der Kunstakademie Karslruhe.

Im um 1890 neu erschlossenen "Herrenfeld", das im expandierenden Karlsruhe eine durchaus noble Adresse war, errichtete Hermann Billing 1898 das Haus in der Eisenlohrstraße 23. Seine prominente Platzierung an einer unkonventionell angelegten Wege-Kreuzung mit spitzem Winkel führte bereits zu einem spannenden Grundriss. Für Hermann Billing war die Lage aber wohl auch Gelegenheit, das Haus als eine Art "Ausstellungsstück" mit einer Vielzahl architektonischer, nicht zusammenhängender Details, auszustatten. Sei es die Tatsache, dass jedes Fenster, jeder Fenstersturz anders gestaltet war, die Verwendung eines rein optisch zweckorientierten Fachwerkes (was im damaligen eher klassizistisch geprägten Karlsruhe absolut exotisch anmutete), angesetzte oder zurückgesetzte Erker-Elemente, besondere Farbgebungen, Dachgauben mit Anlehnung an Bauarchitektur in Boston oder auch eine segelartige Dachkonstruktion – das Haus war (und ist) definitiv ein Hingucker. Und auch in kleinen Details zeigte sich der Eigensinn des Architekten, der sich auch als Künstler sah. Dr. Kabierske machte auf viele kleine Details am Haus aufmerksam, die selbst frühere Bewohner des Hauses so nicht wahrgenommen hatten. Anhand historischer Aufnahmen wurden auch "verloren" gegangene Einzelheiten wieder sichtbar.

Alles hat seine Zeit

Ein großes "Ahhhh Ohhh" ging durch die Gruppe, als Dr. Kabierske das zweite Wohnhaus von Hermann Billing auf einer Reproduktion zeigte – unmittelbar gegenüber des Unitas-Hauses gelegen, wo heute ein Zweck-Wohnblock der 70er Jahre nicht wirklich zum Verweilen einlädt. Dieses zweite Wohnhaus wirkte fast wie ein Bauklötzchen-Projekt, noch "unruhiger" als das Unitas-Haus, mit einzelnen Ausführungen unterschiedlichster Merkmale. Bei diesen ist zwar nicht klar die Intention des Schaffers bekannt, lassen sich aber in der Interpretation der Architektur Analogien zu täglichen Dingen wie Urkunden-Siegel oder Symboliken wie die goldene Jahreszahl 1900 für den Anbruch einer neuen Zeit finden. Ein kleiner Seitenhieb auf die zeitgenössischen Kritiker und "nörgelnden Sonntagsbummler" hinterließ Hermann Billing in einem Fenstersturz mit der Inschrift "Durch das Bauamt genehmigt.......". Trotz der für damalige Zeiten sicherlich extremen Bauarten war die Eisenlohrstraße mit weiteren (nicht nur) Billing-Bauten, zumindest aus heutiger Sicht, eine sehr beeindruckende Straße, die auch heute noch über viele die Kriegszeit überdauernde historischen Gebäude verfügt. Den Abschluss der fachkundigen und spannenden, mit vielen Informationen, Details und Anekdoten gespickten Führung machten zwei Aufnahmen aus dem Wohnzimmer des ersten Billing-Hauses, dem heutigen Conventsaal im Unitas-Haus, die beim anschließenden Sektempfang und Kaffee nochmals mit der heutigen Ausstattung verglichen wurden.

"Ein Semester 'Baukunst' reicht dann auch", meinte ein Alter Herr noch in der Planungsphase der Veranstaltung Ende des Wintersemesters. Doch nicht nur er, sondern alle Besucher dieser von der Sonne verwöhnten Nachmittagsveranstaltung waren sich einig, dass das sowohl eine sehr gute Idee wie auch hervorragende Durchführung mit einem exzellenten Experten war.