Unitas - ein Name, ein Programm

Die Unitas wurde 1855 von Bonn und Tübingen aus begründet und ist damit der älteste katholische Studenten- und Akademikerverband Deutschlands.


Übersicht

Zur Mitte

Von:  Beirat für Kirchenfragen

01.07.2017

Für die meisten ist Familie ein Ort der Sicherheit, der Geborgenheit, ein Ort des Rückzugs – schlicht: Heimat. Heimat ist sie für die junge Studentin im ersten Semester genauso wie für den bemoosten Philister im Herbst des Lebens. Aber so sympathisch diese Vorstellung ist, so birgt sie doch einige Überforderungen, Erwartungen und Hoffnungen, die ein Familien’system‘ – heute zumeist als Klein- oder Patchworkfamilie – weder erfüllt noch erfüllen kann. Das Ideal, die Sehnsucht nach der heilen Familie, die mich von der Wiege bis zur Bahre umsorgt und umhegt, ist zunehmend unerreichbar und führt nicht selten zu Enttäuschungen und Entzweiungen – zuweilen sogar über den Tod hinaus.

Um wen soll sich der Mittvierziger – Einzelkind, verheiratet mit einer berufstätigen Frau und Vater zweier Kinder – in seiner Patchworkfamilie kümmern? Um die pflegebedürftige Mutter und ihren zweiten Mann, oder um den 85-jährigen dementen Vater und dessen liebevolle, aber strukturell überforderte Partnerin? Was, wenn die drei Familienteile auch noch an Orten leben, die mehrere hundert Kilometer voneinander entfernt sind?

Oder der an sich noch rüstige 80-jährige Bundesbruder, dessen Kinder und Enkel im Ausland leben, dort Karriere gemacht haben, dessen Frau nun zunehmend Pflege benötigt und der mit dieser Situation und dem Managen derselben heillos überfordert ist…

Familie ist ein diffiziles Gebilde, Projektionsfläche für die unterschiedlichsten Bedürfnisse, Sehnsüchte und Erwartungen sowie handfeste Interessen. Es hilft nichts, wenn wir die Wirklichkeit unserer eigenen Familien nicht sehen oder sehen wollen, und wenn wir nicht offen und ehrlich mit unseren Idealen und ihrer Verwirklichung, mit den Herausforderungen und Problemen umgehen. Es ist nicht hilfreich, wenn wir nicht darüber reden. Mit Erwartungen, die ausgesprochen sind, kann der Einzelne umgehen – oder es zumindest lernen! Er kann sich zu ihnen verhalten, ausloten, wieweit sie recht und billig sind, was im jeweiligen Familienkosmos leistbar ist und was eben nicht. Aber es muss darüber gesprochen werden, es müssen Begründungen angegeben werden, denn es geht um Menschen und ihre Bedingtheiten, Wünsche und vor allem ihre Interessen! Nur wenn nüchtern alle Fakten, Erwartungen und Sehnsüchte auf dem Tisch liegen, werden langfristig tragfähige und für alle akzeptable Lösungen gefunden werden. Der sozialethische Dreischritt von Sehen, Urteilen und Handeln kann auch hier helfen, Prozesse in Gang zu setzen und zu strukturieren: Was ist? Was ist notwendig oder möglich? Was kann getan und geleistet werden? Auch und vor allem nicht auf Kosten eines einzelnen Familienmitgliedes. Anders lassen sich die diffizilen Gebilde unserer Familien nicht stabilisieren. Helfen kann dabei auch unser unitarischer Wahlspruch: Im Notwendigen muss eine Familie zusammenstehen, selbst dann, wenn das Notwendige eben nur mit fremder Hilfe organisierbar ist, im Zweifelhaften muss Freiheit herrschen, um die Kette der Solidarität nach oben oder nach unten nicht abbrechen zu lassen – denn eine angeschlagene Familie, eine überforderte ist immer noch besser als keine! – in allem aber muss Liebe gelebt werden. Eine Liebe, die eben nicht eingefordert werden kann. Denn eine Liebe, die eingefordert werden muss, ist keine Liebe mehr…

Wenn dies gelingt, kann Familie nochmals neu Heimat sein, Geborgenheit geben und Sicherheit bieten, den Alten wie den Jungen. Familie muss in jeder Zeit neu gelebt werden, austariert werden, sie steht nie fest und ist starr, sondern bildet sich jeden Tag neu. Wenn dies gelingt, ist sie ein Vorgeschmack des Paradieses – wenn nicht, erlebt man in ihr die Hölle auf Erden…

 

Bbr. P. Niccolo Steiner S.J.